medico international

22.09.2010

Handeln und Behandeln- Berufsethische Perspektiven in der Globalisierung

Dokumentation: Konferenz "global, gerecht, gesund" 2010

Eingangsstatement: Dr. Bernhard Winter, Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte

Ich möchte versuchen vier Punkte aus berufsethischer Sicht von, ich nenne es jetzt mal Gesundheitsprofessionellen, zu formulieren. Man möge mir nachsehen, dass ich auf Grund meiner Profession das doch sehr ärztlich formuliere.

  1. Es gibt es eine grundlegende Handlungsmaxime für alle die professionell im Gesundheitswesen tätig sind. Sie müssen sich bemühen bei jedem Kranken, der sie um Hilfe bittet, nach bestem Wissen und mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu behandeln. Dies ist bewusst sehr weit gefasst. Diese Maxime geht über den an dieser Stelle sonst zitierten Eid des Hypokrates weit hinaus. Sie berührt unser tägliches professionelles Handeln, aber auch unsere Auseinandersetzung in der Struktur des Gesundheitswesens und unsere Kämpfe für eine soziale Medizin. Nicht nur und keinesfalls nur unter dem Gesichtspunkt beschränkter Ressourcen für das Gesundheitswesen. Da die Ressourcen für das Gesundheitswesen immer beschränkt sind, bedarf dieser Punkt aus meiner Sicht einer Ergänzung. Damit sind wir bei der zweiten These.

  2. Zu fordern ist eine Kultur der Selbstbegrenzung. Dies meint nicht nur auf einen Teil des technisch machbaren zu verzichten, sondern vielmehr ist auch dem der modernen wissenschaftlichen Medizin innewohnenden Trend zur Überdiagnostik und Übertherapie zu begegnen. Wenn in diesem Land innerhalb von zwei Jahren die Anzahl der Computertomographien um 18 % ansteigt, innerhalb von einem Jahr die Aufnahme in Krankenhäuser um 4,2 % hat das nichts, aber auch gar nichts mit Gesundheit zu tun. Diese Tendenz ist natürlich in solchen Systemen besonders ausgeprägt, die mit Gewinnstreben gepaart sind. Von uns zu fordern ist eine neue Kultur, die sich konzentriert auf den Kranken und seine Beschwerden und den Prozess der Heilung, beziehungsweise der Krankheitsbegleitung.

  3. Darüber hinaus ist von Gesundheitsprofessionellen zu fordern, vom letzten Patienten her mit dem Handeln zu beginnen, wenn er für alle in gleicher Weise da sein will. Oder mit den Worten von Klaus Dörner ausgedrückt: Dies zwingt ihn, den Arzt, zu der heillosen Überforderung, dass er sich für den schwächsten, hilflosesten, benachteiligsten, letzten Patienten, bei dem es sich am wenigsten lohnt, am meisten engagiert um ihn auch nur zur Chancengleichheit mit seinen besser gestellten Patienten zu verhelfen. Ich habe kompensatorisch mit dem letzten zu beginnen. Dies ist natürlich auch global zu bedenken.

  4. Die politische Handlungsfähigkeit der Gesundheitsprofessionellen. Um diese, in der Tat hochgesteckten Versprechen, einlösen zu können ist der Gesundheitsprofessionelle auch gefordert überall dort Widerstand zu leisten wo Geld, Ökonomie, Kommerz sich in das Verhältnis, das er als Individuum zu Kranken hat, einzuschleichen beginnt. Natürlich ist der Gesundheitsprofessionelle auch gefordert darum zu Kämpfen, dass er die Mittel erhält, die er benötigt um seinem gesellschaftlichen Auftrag nach zu kommen. Eine gute Medizin ist heute nur möglich, wenn sie gleichzeitig auch eine politische Medizin ist, wie Erik Wulf es formulierte. Damit wären wir bei dem Motto des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte: Krankheit ist ohne Politik nicht heilbar. In diesem Sinne sollten wir uns alle einmischen.

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