
Schirin und Samira haben ein ähnliches Problem. Samira ist kaum geschminkt, trägt ein eng anliegendes schwarzes Kopftuch, das zu überlegt, zu streng angelegt ist, um wirklich traditionell zu wirken. Zusammen mit ihrer besten Freundin, die enge Jeans und modische Tops bevorzugt, studierte sie Politologie und englische Literatur an der Universität Haifa, in der nördlichen Metropole Israels. Doch nachdem beide das Studium erfolgreich abgeschlossen hatten, mussten die beiden 25-Jährigen feststellen, dass für palästinensische Israelinnen mit akademischem Abschluss nur ein beruflicher Werdegang offen steht: Lehrerin zu werden.
Der Mangel an geeigneten Stellen für arabische Frauen in Israel, vor allem die fehlenden Perspektiven für die Akademikerinnen unter ihnen, treibt auch den medico-Partner Women Against Violence (WAV). Bessere Bildung und Arbeit gelten als unabdingbare Bedingungen für die Gleichstellung, Akademiker als Vorreiter gesellschaftlicher Veränderung. Im vorwiegend dörflichen und kleinstädtischen Milieu der israelischen Araber bedurfte es großer Anstrengungen, um tradierte Geschlechterrollen zu überwinden.
Die Bemühungen haben gefruchtet: Die gesellschaftlichen Normen haben sich geändert, die Arbeitstätigkeit von Frauen gilt als Wert an sich, ihr wirtschaftlicher Nutzen wird erkannt. So hat sich die Zahl der arabischen Akademikerinnen in den letzten zwei Jahrzehnten vervielfacht. Doch im Gegensatz zu ihren jüdischen Mitbürgerinnen führt die höhere Bildung nicht zu besseren wirtschaftlichen und sozialen Positionen, da entsprechende Stellenangebote fehlen. Die Akademikerinnen arbeiten zum großen Teil als Lehrerinnen, die in Israel extrem niedrige Löhne erhalten, oder scheiden vom Arbeitsmarkt aus und werden Hausfrauen. Jetzt fürchten die WAV, dass die positive Dynamik der letzten Jahrzehnte gefährdet ist und dass die Frauenrolle erneut überhandnimmt. Aus dieser Sorge heraus veranstalteten die WAV in Nazareth eine Konferenz zum Thema „Frauen und Beschäftigung“, bei der eine eigens erstellte Studie vorgestellt wurde. Die Ergebnisse der Studie sind ernüchternd: Nur 18% der arabischen Frauen gehen einer Arbeit nach, etwa ein Drittel der arabischen Akademikerinnen sind arbeitslos oder verließen den Arbeitsmarkt insgesamt, die anderen arbeiten zu 84% im Erziehungsbereich, halten kaum Führungspositionen, und etwa ein Drittel verdient weniger als das Mindestlohn. Die Studie weist eindeutig nach, dass arabische Frauen nicht erstrangig durch die Knebel der traditionellen Gesellschaft gefesselt sind, sondern dass sie durch israelische Regierungspolitik in die Küche zurückgedrängt werden.
Obwohl es etwa 1,4 Millionen palästinensische (oder arabische) Israelis - sprich diejenigen Palästinenser, die nach der Staatsgründung in Israel verblieben und israelische Staatsbürger sind - gibt, ist Nazareth, Sitz der WAV und größte arabische Stadt in Israel, nach wie vor eine Kleinstadt mit etwa 60.000 Einwohnern. Staatliche Institutionen oder höhere Bildungseinrichtungen gibt es hier ebenso wenig wie in anderen arabischen Orten, und die regionalen Bezirksverwaltungen wurden lieber im neu erbauten, jüdischen Ober-Nazareth gebaut. Nazareth, früher eines der großen Zentren Palästinas wuchs also folglich nicht zu einer modernen Metropole und wurde – wie der gesamte arabische Sektor - zu einem peripheren Dasein verurteilt. Darüber hinaus wird der Sektor durchgehend benachteiligt: So sind der öffentliche Verkehr oder die Kinderbetreuung unterentwickelt. Damit werden die Frauen dazu gezwungen, in der eigenen Ortschaft oder Teilzeit zu arbeiten, was ihre beruflichen Perspektiven weiter reduziert. Hinzu kommt die Benachteiligung im staatlichen Sektor: Die palästinensische Minderheit in Israel stellt etwa 20% der Gesamtbevölkerung dar, doch im Finanzministerium etwa arbeitet lediglich eine einzige Araberin, und in regierungseigenen Firmen, wie dem staatlichen Strommonopolisten, tendiert ihr Anteil gegen Null. Da auch arabische Männer mit ähnlichen Nachteilen zu kämpfen haben, konkurrieren sie mit den Frauen um die gleichen wenigen Stellen und versuchen diese von besser bezahlten Stellen zu verdrängen.
Dass Bildung zur Emanzipation führt, ist im heutigen Israel für die palästinensische Minderheit eine Mär. Im letzten Teil der Konferenz preisten einige optimistische Sprecher die Vorzüge des Internets, des Investment Bankings und des Hightechs. Viel zu wenig arabische Frauen würden sich auf diese zukunftsträchtigen Branchen spezialisieren, man müsse sich den globalen Veränderungen besser anpassen. Samira und Shirin ließen sich davon kaum überzeugen. Nicht einmal zu einem Bewerbungsgespräch wurden sie eingeladen, während ihre jüdischen Kommilitoninnen mehrheitlich Arbeit hätten. Sicherlich würde man auch im Hightech, wie in weiten Bereichen der Industrie, Sicherheitsbedenken als Ablehnungsgrund vorschieben.
Aida Touma-Suliman, Leiterin der WAV, ist da etwas optimistischer: Die israelische Regierung habe erkannt, dass Hausfrauen früher heiraten und mehr Kinder gebären. Aus Angst vor der ‚demografischen Bombe’, sprich vor einer überdurchschnittlich schnell wachsenden palästinensischen Bevölkerung, möchte die Regierung eine Kommission einsetzen, um mehr qualifizierte arabische Frauen in ihre Reihen aufzunehmen. Aida ist zu lange im Geschäft, um sich zu empören: Sie möchte die Angst der Regierung nutzen und für mehr Beschäftigung, sowie für bessere Kinderbetreuung und öffentliche Verkehrsmittel kämpfen.
Veröffentlicht von am 20.01.2008 | 0 Kommentare
