
Gerade ist die Gegenveranstaltung zum sogenannten Weltgesundheitsgipfel der Berliner Charite, und anverwandter Universitätskliniken zu Ende gegangen. Iniitiert von medico international und unterstützt am Ende von 27 Organisationen der Entwicklungshilfe, Gewerkschaften, von Ärzte- wie anderer Berufsorganisationen und Einzelunterzeichnern (siehe Erklärung auf dieser website) erwies sich die Veranstaltung unter dem Titel „public eye on Berlin“ als äußerst brisant.
In einer Aktion der Beteiligten vor dem Eingang zum „World Health Summit“, die sich mit der gesundheitlichen Ausgrenzung von Menschen ohne Aufenthaltsstatus beschäftigte, der Gegen-Pressekonferenz und zahlreichen Medieninterviews und der Gegenveranstaltung selbst wurden die zentralen Kritikpunkte am Konzept des „Weltgesundheitsgipfels“ deutlich gemacht.
Eine Veranstaltung mit dem Titel „Weltgesundheitsgipfel“ bedarf der demokratischen Legitimität, der Transparenz und der Rechenschaftspflicht. Forschungseinrichtungen und Pharmaindustrie sind dafür allein keine Garanten
Eine Lösung der Weltgesundheitsprobleme liegt nicht in einem biomedizinischen und pharmazeutischen Ansatz, sondern muss die alten Tugenden und Erfahrungen eines auf Demokratie und sozialer Gerechtigkeit ausgerichteten Gesundheitsverständnisses wieder beleben.
Auf der Veranstaltung des „public eye on Berlin“, die weit über hundert Teilnehmer hatte, wurden die allseits vorhandenen zivilgesellschaftlichen Alternativen aufgezeigt und diskutiert. In einer live-Schaltung ins indische Bangalore, einer Boomtown des Wirtschaftswunders, die zugleich etwa 800 Slums aufweist, verwiesen die indischen Kollegen darauf, dass ein jeder Weltgesundheitsgipfel nur dann legitimiert sei, wenn er massiven Druck auf die Regierungen und Politik ausübe, die Voraussetzungen für gleiche Gesundheit zu schaffen.
Der Organisator des „Weltgesundheitsgipfels“, der ehemaligen Charite-Direktor Professor Ganten stellte sich auf der Veranstaltung der Kritik der Gipfelgegner und lud die Beteiligten ein, beim nächsten „Weltgesundheitsgipfel“ im Oktober 2011 dabei zu sein. Bereits in diesem Jahr hat die Gesundheitsexpertin des Evangelischen Entwicklungsdienstes, Sonja Weinreich, für die Gipfelkritiker einen Beitrag auf dem WHS gehalten. Ob damit allerdings der Konflikt zwischen einem Gesundheitsverständnis, das weitestgehend auf Pharma und Forschung setzt, und einem, das die sozialen und demokratischen Fragen in den Mittelpunkt rückt, befriedet werden kann, ist mehr als fragwürdig. Vielleicht misst sich das Ganze auch an den Taten und nicht an den Worten. Die Charite, so teilte ein Kollege der medizinischen Flüchtlingshilfe Berlin auf der Pressekonferenz mit, verweigere die medizinische Hilfe für Migranten ohne Aufenthaltsstatus. Es scheitert offenkundig an buchhalterisch-finanziellen Gründen. Das Menschenrecht auf Gesundheit präsentiert sich hier als Widerspruch zwischen Wort und Tat.
Nächstes Jahr wird es also wieder einen „World Health Summit“ in Berlin geben. Wie er sich ausrichtet, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass die Proteste und Gegenveranstaltung viel an dem ursprünglichen Programm in diesem Jahr verändert haben und Gedanken wie Überlegungen von Sozialmedizin stärker inkorporiert wurden.
Medico, so viel ist ebenfalls sicher, wird sich das Recht, eine alternative Weltgesundheitspolitik Gehör zu verschaffen nicht nehmen lassen. Und das ganz sicher nicht mit finanziellem Beistand derer, die die Gesundheitsprobleme mit verursacht haben.
Weitere Berichte über die Veranstaltung finden Sie auch in folgenden Medien:
Neues Deutschland - 18.10.2009: Gesundheit für alle statt für Eliten
Freitag - Das Meinungsmedium - 17.10.2009: Zweigeteilte Weltgesundheit
Junge Welt - 13.10.2009: "Sie klären unter sich, wie es sich rechnet"
Veröffentlicht von Katja Maurer am 16.10.2009 | 0 Kommentare
