medico international

Unsere Position

Hilfe im Zeichen paradoxer Hoffnung

Das Engagement von medico international im Nahen Osten

Der Nahe Osten – Libanon, Israel und Palästina – gehört zu den ältesten Projektregionen von medico international.

Israel und Palästina

Als unser Partner und Weggefährte, der israelisch-palästinensische Theatermacher Juliano Mer Khamis im April 2011 vor dem Freedom Theatre im Flüchtlingslager Jenin ermordet wurde, schien unsere Idee, Projekte im Zeichen Paradoxer Hoffnung zu fördern, wieder einmal in Frage gestellt. Paradoxe Hoffnung war ein Aufruf betitelt, den medico 2002, in der Hochzeit der Zweiten Intifada, initiiert hatte und dazu anhielt, an der Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Initiativen in Israel und Palästina festzuhalten. Ähnlich wie beispielsweise nach dem israelischen Angriff auf Gaza 2008/2009 drohen die politischen Entwicklungen in der Region immer wieder, mal mehr, mal weniger, selbst diese paradoxe Hoffnung zu untergraben.

Was uns immer wieder weitermachen lässt, sind unsere Partner vor Ort. Menschen, die die eigene Gesellschaft herausfordern und die vorgegebene Rollenverteilung nicht akzeptieren. Auch wenn sie in einem Konflikt gefangen sind, der ihnen ungleiche Positionen in den gegebenen Machtverhältnissen zuweist, versuchen sie diese Fesseln zu sprengen. Auch der Mord an Juliano Mer Khamis hat die Kolleginnen und Kollegen vom Freedom Theatre in Jenin nicht aufhalten können. Sie machen weiter, und wir unterstützen sie dabei.

medico blickt auf ein langes Engagement in Israel & Palästina zurück. Die Region lässt uns als deutsche Hilfsorganisation auch aus historischen Gründen wenig Raum, unbeteiligt oder gar neutral zu sein. Zu sehr ist unsere eigene Geschichte mit der Israels, und damit letztlich auch mit dem Schicksal der Palästinenser verwoben. Die Achtsamkeit gegenüber der eigenen Geschichte ist aber auch Ausgangspunkt unseres Engagements für universelle Demokratie und Gleichheit aller Menschen. Die Fähigkeit, sich der gemeinsamen Welt zu öffnen, bewährt sich im Kampf um die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen eines Lebens in Würde.

Konkrete Orientierung unserer Arbeit ist dabei das Menschenrecht auf gleichen Zugang aller zu Gesundheit. In Israel/Palästina schließt die Verwirklichung dieses Rechts ein, sich einem allumfassenden System von Ein- und Ausschluss zu widersetzen. Denn es schränkt Gesundheitsleistungen entlang der ethnisch-religiösen Herkunft ein und unterminiert andere Grundlagen eines gesunden Lebens, wie Zugang zu Ressourcen, Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit, aktiv und angstfrei das eigene und das gemeinsame Schicksal mitzugestalten. Damit wird einer ganzen Bevölkerungsgruppe das Recht auf ein gutes Leben strukturell verunmöglicht. Dass es beim Zugang zu Gesundheit nicht nur ethnisch-religiöse, sondern auch soziale Barrieren gibt, die nun auch die israelische Bevölkerung betreffen, macht dieses Problem umso akuter. Zwischen Israel und Palästina ist die Grenze keine friedliche Scheidelinie zwischen zwei unabhängigen Gesellschaften, in denen jeder seinen Platz finden kann. Vielmehr befinden sich beide Gesellschaften in einer Zone allgemeiner Unsicherheit, deren sichtbare und unsichtbare Mauern, Zäune und Einhegungen Verdrängung und Auflösung bedeuten. Den Kern des Konflikts bilden die seit über 40 Jahren anhaltende israelische Besatzung, die Siedlungspolitik und die damit einhergehende Entrechtung der Palästinenser.

Die derzeitige Entwicklung schließt die Palästinenser in dichtgedrängte Enklaven ein, die ohne Almosen aus Europa gar nicht lebensfähig wären. Die Perspektivlosigkeit in diesen abgeriegelten Enklaven trägt dazu bei, dass die palästinensische Gesellschaft immer verschlossener, konservativer und von reaktionären Elementen beherrscht wird. Aber auch auf Israels demokratische sowie rechts- und sozialstaatliche Strukturen hat die Besatzung fatale Rückwirkungen. Mediale Kampagnen und Gesetzesvorhaben sollen die Freiräume eines emanzipatorischen Diskurses dezimieren; eine ihre Minderheiten schützende Demokratie ist Israel kaum noch. Der Sozialstaat ist in den vergangen 20 Jahren fast vollständig abgeschafft worden. In diesem Kontext bewegen sich die von medico geförderten Projekte. Als Beispiel mag die Arbeit der von medico geförderten Ärzte für Menschenrechte – Israel gelten, die in Israel für legale und illegale Einwanderer eine mobile Sprechstunde betreiben und parallel in enger Kooperation mit unseren palästinensischen Partnern Palestinian Medical Relief Society die Barrieren und Grenzen im Zugang zu Gesundheit durch Medikamentenlieferungen und ärztliche Leistungen überwinden.

Öffentlichkeitsarbeit für gleiche Rechte

In einer globalen Welt bedeutet Solidarität nicht nur das Engagement im globalen Süden, sondern auch die Information und Aufklärung der hiesigen Öffentlichkeit. Zusammen mit unseren israelischen und palästinensischen Partnern betreiben wir intensive Lobbyarbeit im politischen Berlin, bei Bundestag und Ministerien, erstellen Studien und bringen zahlreiche Journalisten in die Region, um über die Entwicklungen vor Ort – ob in Gaza, Tel Aviv oder dem Jordantal – in der deutschen Öffentlichkeit zu berichten. Deutschland und Europa brauchen eine kohärente Nahost-Politik, die darauf abzielen muss, zu einer friedlichen Lösung der Konflikte vor Ort beizutragen. Hier setzt die medico-Öffentlichkeitsarbeit an.

Während die arabische Welt um beide Länder herum sich in einem historischen Wandel befindet, sind Israelis wie Palästinenser in einem unerträglichen Status quo gefangen, dessen Ursache in einer seit Jahrzehnten bestehenden – und letztlich beide Gesellschaften in Mitleidenschaft ziehenden – militärischen Besatzung und Verweigerung palästinensischer Unabhängigkeit liegt. Doch solange es innerhalb dieses feindlichen und unbestimmten Raums auf beiden Seiten noch immer Initiativen und Projekte gibt, die sich dieser „alternativlosen“ Realität verweigern, wird auch medico weitermachen. Die jüngsten nahöstlichen Aufstände haben der Welt bewiesen, dass die Rationalität der Menschen demokratischer ist als die Rationalität der herrschenden Ordnung und Stabilität. Nicht nur wir, auch unsere Partner in Tel Aviv, Ramallah und Gaza haben durch die Ereignisse in Tunesien und Ägypten neuen Mut gefasst: Eine demokratische Zukunft aller Menschen in einem neuen, freien Nahen Osten ist möglich, und sie kann schneller Wirklichkeit werden, als es angesichts des Leids den Anschein hat.

Libanon

Die Arbeit von medico im Libanon begann 1982 mit Nothilfe nach den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila. Diese erste medizinische Katastrophenhilfe für die überlebenden Opfer der Grausamkeiten in Sabra und Shatila ging bewusst über in eine mehrjährige Partnerschaft mit der progressiven libanesischen Hilfsorganisation AMEL. Neben der Verbesserung der Situation der palästinensischen Flüchtlinge, sollte die Hilfe ungeschmälert auch den libanesischen Opfern des Bürgerkrieges zugute kommen.

In den 90er Jahren begann medico mit der Unterstützung kleiner palästinensischer Hilfsorganisationen. Diesen Hilfswerken kommt für die Selbstorganisation der Flüchtlinge und im Kampf für deren soziale Rechte eine große Bedeutung zu. Mutig und wirkungsvoll setzen sie sich für die Flüchtlinge ein und bestehen darauf, dass das Recht auf Frieden nicht geteilt werden darf.

Alle palästinensischen medico-Partner im Libanon verstehen ihre Arbeit als politischen Beitrag zur Weiterentwicklung der eigenen Gesellschaft. Dabei müssen sie sich auch einer zunehmenden Islamisierung innerhalb der palästinensischen Flüchtlings-Community erwehren, die nicht zuletzt auch der Vernachlässigung der "Flüchtlingsfrage" in den "Oslo-Verträgen" geschuldet ist. So konkurrieren beispielsweise die pädagogisch freieren Konzepte der laizistischen Kindergärten unserer Partner mit den stärker leistungsorientierten Einrichtungen der religiösen Organisationen. Unsere Partner widersetzen sich dem Anwachsen religiöser Strömungen und setzen weiterhin etwa auf gemischtgeschlechtliche Kindererziehung, Jugendarbeit und Berufsausbildung.

RSS-Feed

medico international