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medico Rundschreiben 01/2010

Editorial

Von Katja Maurer

Liebe Leserinnen und Leser,

“Haiti – tu dolor es mi dolor”, Haiti – dein Schmerz ist mein Schmerz, das steht auf einem T-Shirt, das uns unsere dominikanischen Kollegen schenkten, deren haitianisch-dominikanische Kulturarbeit wir unterstützen. Es liegt eine tiefe Wahrheit in diesem Satz, auch wenn er - leicht dahin gesagt - geradezu kitschig klingt. Aber in den Wochen nach dem Erdbeben mit seinen katastrophalen Folgen haben wir ein wenig davon selbst gespürt. Denn die genauere Beschäftigung mit den Ursachen dieser unermesslichen Tragödie hinterlässt Schmerz über die unerträglich hohe Zahl der Opfer, deren Tod mit ein wenig Schutz vermeidbar gewesen wäre. Man wünscht sich, die Welt möge an diesem Ereignis mehr leiden. Haiti liegt auf der Insel Hispaniola. Die wiederum ist ein Mikrokosmos dieser Welt. Einen Teil davon haben wir bei unserem Charterflug in die Dominikanische Republik, den anderen Teil von Hispaniola, kennengelernt: deutsche Touristen. 400.000 fahren jährlich in die streng abgeschirmten Touristenressorts der „Domrep“. Die Ferienparadiese sind in der Hand großer europäischer und nordamerikanischer Tourismus-Unternehmen, die einen Großteil ihrer Gewinne außer Landes transferieren. Aber ein bisschen wirft der Tourismus auch für die Einheimischen ab. Es reicht wenigstens für einen großen Unterschied zum gewöhnlichen Elend von Haiti. In der „Domrep“ herrscht ungebrochene Bautätigkeit.

Die globale Mittelschicht hat noch Ressort-Bedarf. Die Baufirmen stammen zumeist aus Brasilien. Nur die Bauarbeiter kommen aus Haiti. Seit Jahren schon. Man fühlt sich erinnert an das Gedicht von Brecht: „Wer baute das siebentorige Theben. In den Geschichtsbüchern stehen die Namen von Königen. Haben die Felsbrocken die Könige herbeigeschleppt?“ Das „Domrep“-Glück ruht auf den starken Schultern der Schutzlosesten. Das ist eine bittere Erkenntnis. Die Situation in Haiti und die Möglichkeiten der medico-Arbeit sind ein großes Thema dieses Heftes. Das Erdbeben in Chile und seine Folgen sind ein interessanter Vergleich. Auch darauf gehen wir in diesem Heft ein. Bei allen Unterschieden haben beide Ereignisse eines gemeinsam: noch vor der Hilfe kam das Militär. Die totale Kontrolle und Erniedrigung erleben allerdings derzeit die Tamilen in Sri Lanka. Was geschieht, wenn die Welt wegschaut, kann man in der Reportage von Thomas Seibert aus den ehemals umkämpften Gebieten im Norden der Insel lesen. Weitere Themen dieses Heftes sind unter anderem die ambivalenten Auswirkungen der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, eine vorwärtsweisende Initiative von Schwulen und Lesben in Beirut und eine Analyse der Gewalt in Mittelamerika am Beispiel der „Maras“.

Seit 2004 sind die Rundschreiben von Reinhard Arendt aufs Genauste Korrektur gelesen worden. Seine Arbeit war ein Zeichen wider den Effektivitätswahn, auf dessen Altar auch Rechtschreibung und korrekte Sprache geopfert werden. Das hat Reinhard zu verhindern gewusst. Am 8. Februar ist er ganz plötzlich gestorben. Für uns alle unfassbar und ein schmerzlicher Verlust. In seinem Sinne versuchen wir, unsere Arbeit fortzusetzen.

Herzlichst
Ihre Katja Maurer

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