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medico Rundschreiben 04/2009

Im Himmel

Von Navid Kermani

Recht überlegt, sieht so der Himmel aus: ein Holzdach in der Größe eines Fußballplatzes, Neonleuchten so grell, daß kein Schatten sich behauptet, der Boden und die brusthohen Wände aus ungestrichenem Beton. An den Wänden endlose Reihen von Brot, Vorspeisen aller Farben, Auberginen, eingelegtes Gemüse, Wurst und Käse, Pasteten, Oliven, Salat mit Salatsaucen, französisch, amerikanisch sowie Essig und Öl fürs eigene Dressing, Pizza, Pasta mit und ohne Meeresfrüchte, in Tomaten- oder Sahnesauce, Risotto, gegrilltem Fisch oder Fleisch, als Beilage Kartoffeln, Bohnen und Spinat, für den Nachtisch Obst, Torte, Schokoladencreme, Eis. Mitten im Raum Tische mit leeren Karaffen, darüber Hähne, aus denen Wasser und Wein fließen, Wasser mit und ohne Kohlensäure, Weißwein und Rotwein. Dosen mit Bier, Fruchtsäfte und Coca Cola liegen im Kühlfach. Ein Automat zaubert per Knopfdruck Kaffee in sieben Variationen hervor, überdies heißes Teewasser, Kakao und warme Milch.

Die Kahlheit der Speisehalle, die einzig für die wenigen Deutschen im Mißverhältnis zu dem gehobenen Standard der Ferienanlage steht, macht deutlich, daß es hier nur ums Fressen geht, um die möglichst effektive Bereitstellung möglichst vieler verschiedener, möglichst frisch zubereiteter Speisen. Keine Ablenkung am Ende der Nahrungskette. Kein Dekor. Pure Effizienz. Die Kellner sind beinah unsichtbar. Ihre Aufgabe beschränkt sich darauf, die Essensplatten auszutauschen und die halbvollen Teller abzuräumen, ohne daß die Gäste wechseln. Außerdem kontrollieren sie diskret die Armbänder, die anzeigen, ob die Gäste Halb- oder Vollpension gebucht haben. Weil der Lohn auch in Südeuropa nicht mehr billig ist, wurde die Essenszufuhr weitgehend automatisiert. Die Obszönität ist unverstellter als sagen wir in einem ägyptischen Ferienressort, wo man mit seinem Bediensteten rasch ein Vertrauensverhältnis entwickelt, das über den Gegensatz von Reichtum und Armut hinwegtäuscht, über Herrschaft und Knechtschaft. Wie im Paradies von den Trauben, bedient sich hier jeder selbst.

Die Assoziation kam mir wegen der Halle. Sie sieht aus wie die Sammellager, wo die Flüchtlinge untergebracht werden, die an den Rändern Europas aus den Flüssen steigen, aus den Containern kriechen, lebend an die Küsten spülen, warum nicht auch an den Strand ihrer Ferienanlage. Boden, Wände, Dach, Größe der Container sind dieselben. Die Reihen bestehen allerdings aus Betten und ziehen sich mitten durch den Raum. Schon den Abwasch erledigen zu dürfen, wäre der Himmel für die Männer und Frauen, die in Tanger oder vor Ceuta auf das nächste Himmelfahrtskommando warten. Das sage ich nicht nur so. Das sagten sie mir.

Gelegentliche Wartezeiten sind unvermeidlich, wenn der Masse keine Massenware vorgesetzt werden soll. Wann immer aus der Küche eine neue Platte gebracht wird, beschleunigen einige der Gäste den Schritt. Nirgends steht, daß man im Paradies glücklich ist. Es ist nur alles da.

Navid Kermani ist Schriftsteller und Orientalist. Zuletzt erschien von ihm: "Wer ist Wir?" Deutschland und seine Muslime (Verlag Beck, 2009).

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