medico international

medico Rundschreiben 03/2009

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

sieben Stunden dauert der Flug von Toronto nach Port-au-Prince. Der Abstand in Lebenszeit beträgt dagegen Jahrzehnte. 79 Jahre ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kanadiers, 51 Jahre die einer Haitianerin. Wer das als traurige Selbstverständlichkeit zur Kenntnis nimmt, dem ist vielleicht nicht klar, dass eine Neuigkeit in diesen Zahlen steckt. Denn noch nie in der jüngeren Geschichte war der Unterschied in Einkommen, sozialen Chancen und im Gesundheitsstatus innerhalb und zwischen den Ländern so groß wie heute. Die Finanzkrise, so viel ist sicher, wird diese Gesundheitskluft erheblich vertiefen. 100 Millionen Menschen werden durch den Crash in die Armut gestürzt. Diese Ausgangslage haben wir zum Anlass genommen, ein Sonderheft zur Weltgesundheit zu machen, das nicht bei der Beschreibung der Katastrophe stehen bleibt. Es geht uns vielmehr darum, die Fäden zu Unternehmungen der Abhilfe aufzunehmen und das Netzwerk, in dem medico sich bewegt, sichtbar zu machen. Es ist so viel geworden, dass wir die Seitenzahl des Heftes erhöhen mussten. Trotzdem ist es uns nicht gelungen, von allen Gesundheitsinitiativen, sozialmedizinischen Projekten und Debatten zu berichten, die darin eine Rolle spielen. Bei der Beschäftigung mit diesem Heft ist uns selbst gegenwärtig geworden, wie haltbar dieses Netzwerk der Veränderung ist, obwohl es einen globalen Raum begreifen muss, der unfassbar und disparat erscheint. Das hat in vielen Fällen mit einer gemeinsamen Geschichte zu tun, in der die Erfahrungen aus den Gesundheitsbewegungen der 1980er-Jahre aufbewahrt sind. Die Akteure des Netzwerkes haben alle ein menschenrechtliches Verständnis von Gesundheit. Ihre Praxis, die wir vorstellen, beharrt auf der Notwendigkeit und Möglichkeit von Gleichheit. Und damit bewegen sie sich im zentralen Auseinandersetzungsfeld der gegenwärtigen Krise und ihren negativen Folgen für die Ausgegrenzten und Marginalisierten. "Gesundheit als Menschenrecht zu sehen", so der indische Nobelpreisträger Armatya Sen, "ist ein Aufruf, die Gesundheit der Menschen voranzubringen, in ähnlicher Weise wie die Aktivisten im 18. Jahrhundert für Freiheit und Befreiung kämpften." Wenn man Gesundheit als Menschenrecht betrachtet, dann muss man dringend aktiv werden, um dieses Ziel zu erreichen. Und genau in diesem Kontext bewegen sich alle Beispiele, die wir Ihnen in diesem Heft vorstellen. Von Nothilfe, die unter denkbar katastrophalen Umständen stattfindet, bis zu Debatten und Überlegungen über Umverteilung von Ressourcen und Finanzen auf globaler Ebene. Gesundheit als des Menschen Recht zu betrachten, so Sen, erkennt an, dass es eine soziale Verpflichtung für gute Gesundheit gibt. "Es gibt wenige Dinge in der heutigen Welt, die so wichtig sind wie dieses." Wir geben ihnen dieses Heft als Summe gemeinsamer Bemühungen zu treuen Händen. Vieles werden Sie kennen und manches vielleicht neu lesen. Wenn wir Sie überzeugen konnten, dass dieses Unterfangen, jetzt zumal, einen Sinn macht, dann unterstützen Sie die Arbeit von medico und unserer Partner. Durch Spenden oder auch durch die Weitergabe dieses Heftes. Nachbestellen können Sie immer.

Herzlichst
Ihre Katja Maurer

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