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medico Rundschreiben 04/2008

Projekte – Projektionen

Aufklärung statt Hetze

Zeitgenössische Kunstprojekte mitten im Beiruter Herzland der Hisbollah

Der Südbeiruter Stadtteil Dahiyeh ist kein Ort kultureller Aufklärung. Hier, im städtischen Zentrum der radikalislamischen Hisbollah-Partei, zieren allein stockwerkgroße Poster mit iranischen Ayatollahs und bärtigen schiitischen Führern die Hauswände. Alle zeitgenössische Kunst im Sinne der Moderne ist verpönt. Was die real existierende schiitische Parteikultur unter Kunst versteht, zeigte sie jüngst in einem 8.000 Quadratmeter großen Erlebnispark.

Eine "Oase der Märtyrer", inmitten von Plastikpalmen und Lichtdom, in der Endlosbänder mit Videobotschaften liefen, in denen der "islamische Widerstand" gegen das "zionistische Gebilde" gepriesen wurde. Golden lackierte Granaten garnierten einen künstlichen Friedhof, Laserblitze zuckten aus dem Wrack eines israelischen Panzers, ein verblutender israelischer Soldat aus Plastik erschien im Trockeneisnebel, künstliches Blut spritzte. Die Zuschauer klatschten – stehende Ovationen für den "göttlichen Sieg" über Israel im Sommer 2006.

Jenseits eines solchen Grusel-Disneylands der Hetze hat es jede aufklärende Kulturarbeit naturgemäß schwer, aber es gibt sie selbst hier. Nur zwei Häuserblocks von dem bizarren Trophäengarten entfernt, zeigt der medico-Partner UMAM in einem eigens hergerichteten Hangar regelmäßig aktuelle zeitgenössische Kunstprojekte, veranstaltet Filmabende und Podiumsdiskussionen. Die aktuelle britisch-libanesische Koproduktion "My Place in Between" der Künstlerinnen Alys Williams und Nathalie Harb will in ihren Installationen den Brüchen und Ortsveränderungen im Leben nachspüren: dem Beginn einer Liebesgeschichte, dem Verlust des heimatlichen Hauses, den Träumen von Kindern oder dem Tod einer Mutter. Es sind Objekte, die die Fragen nach Anwesenheit und Abwesenheit, nach Ortsveränderung und Verlust stellen. Ein künstlerischer Gewinn inmitten der fundamentalistischen Totalen des Stadtteils.

Spendenstichwort: Libanon

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Gesundheit als Verfassungsaufgabe

medico-Partner in Simbabwe startet Kampagne für Recht auf Gesundheit

Wie politisch der Kampf für gesunde Lebensverhältnisse ist, beweist die Arbeit unseres Partners in Simbabwe. In Harare wird das Ringen um die Macht seit Jahren auf Kosten der Bevölkerung ausgetragen, was zur massiven Verschlechterung der Gesundheitssituation beigetragen hat. Geschätzte 25 Prozent der simbabwischen Bevölkerung sind HIV-positiv.

Als Reaktion auf das kollabierende Gesundheitssystem fordert der lokale medico-Projektpartner, die Community Working Group on Health (CWGH), in einer neuen Kampagne, das Recht auf Gesundheit in die neue Verfassung einzuschreiben. Wie nötig das ist, zeigt auch die kürzlich erneut ausgebrochene Cholera im Land. Itai Rusike, Direktor der CWGH, ist überzeugt: "Die Regierung hat dem Gesundheitssektor nicht die notwendige Priorität eingeräumt." Er fordert, dass die Wasserversorgung von lokalen Institutionen übernommen werden müsse, schließlich seien mangelnde hygienische Zustände für den Ausbruch dieser vermeidbaren Krankheit verantwortlich. Anlässlich des 10-jährigen Gründungsjahres der CWGH und mit Unterstützung ihrer 35 Mitgliedsorganisationen fand im Oktober 2008 eine Konferenz in Harare statt, auf der sich ein breites Netzwerk bildete – aus lokalen Gesundheitsorganisationen, Vertretern der Regierung, des weltweiten Gesundheitsnetzwerkes People's Health Movement und der UNO –, das sich unter dem Motto "Gesundheit ist dein Recht und deine Verantwortung" für ein Umdenken in der Gesundheitspolitik einsetzt.

Spendenstichwort: Simbabwe

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Vorgriff auf einen fast unmöglichen Frieden

Die sri-lankische Diaspora trifft sich in Deutschland

Der biblische Ausdruck "Diaspora" bedeutet wörtlich "Verstreutheit" und nennt ein Schicksal der Verfluchung: "Der Herr wird dich unter alle Völker verstreuen, vom einen Ende der Erde bis zum andern." (Moses 5, 28/64) Der gewaltsamen Austreibung verdankt sich eine der ältesten, in sich fragwürdigsten, heute nicht zufällig in vielen Sprachen gebräuchlichen Metaphern des Friedens: "aus der Diaspora heimkehren." Nennt der Ausdruck Menschen aus Sri Lanka, liegt seine besondere Härte darin, nicht eine, ja nicht einmal zwei, sondern gleich mehrere "Diasporen" zu meinen. Jeder von ihnen liegt die Erfahrung einer gewaltsamen Vertreibung, d.h. eines besonderen Unrechts zugrunde: Keines wiegt das andere auf, jedes wurde schon zum Anlass fortgesetzter Gewalt.

Im Berliner Evangelischen Johannesstift traf sich im Oktober die srilankesische Diaspora unter der Frage: "Ist Krieg die einzige Lösung?" Wenn die von medico geförderte Zusammenkunft als Vorgriff auf eine noch nicht mögliche Friedenskonferenz bezeichnet werden kann, so deshalb, weil ihre über hundert Teilnehmer sich wenigstens in einem einig wurden: den Versuch zu wagen, sich von nun an als Teil einer gemeinsamen und in diesem Sinn sri-lankischen Diaspora zu verstehen.

Spendenstichwort: Sri Lanka

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