medico international

medico Rundschreiben 04/2008

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

jedem Ende wohnt ein Anfang inne: Dem Zusammenbruch der neoliberalen Ideologie beizuwohnen, ist ein historischer Moment. "Die Macht", schrieb der italienische Philosoph Toni Negri in unserem ersten Rundschreiben dieses Jahres zum 40. medico-Jubiliäum, "wird nicht dahin zurückkehren 'einheitlich' in einem Sinne zu sein, wie sie es vor 68 war." So erleben wir das Ende dieses bis in die letzten Winkel unserer Mediengesellschaft etablierten Denkens als ein Beben, das diffus daherkommt. Negri weiter: Die Macht sei "dazu verdammt, mit der Vielfalt der Widerstände und der Revolten konfrontiert zu sein, die fortfahren das Glück zu suchen". Von solchem Unterfangen ist in diesem Heft die Rede. Wir muten Ihnen deshalb Auszüge aus dem alternativen Weltgesundheitsbericht zu. Eine trockene Materie, die aber noch einmal vor Augen führt, wie sehr der Neoliberalismus die Welt in den letzten 30 Jahren verändert, und wie unbeirrt die globale Gesundheitsbewegung an Gegenentwürfen gearbeitet hat. Allen Unkenrufen zum Trotz sind sie jetzt bitter nötig.

In diesem Heft erscheint die letzte Folge der Reihe über 40 Jahre "Hilfe im Handgemenge". Zudem haben wir Sie im Laufe des Jahres über viele Aktivitäten unterrichtet, die wir aus diesem Anlass unternommen haben. Vielleicht waren Sie bei der einen oder anderen Gelegenheit selbst dabei. Vieles davon fand in Frankfurt, dem deutschen Zentrum der globalen Bankenmacht, statt. Man soll die Symbolik nicht übertreiben. Ob wir dieser Macht ein Kuckucks-Ei ins Nest gelegt haben, sei dahingestellt. Wir freuen uns aber über kritische Mitdenker. So trat der Schriftsteller F.C. Delius im Herbst sein Amt als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, einem spät eingemeindeten Stadtteil Frankfurts, mit einer fulminanten Rede gegen die Verbetriebswirtschaftlichung und Ökonomisierung unseres Denkens und Handelns an. Das primitive Kosten-Nutzen-Denken habe "alle gesellschaftlichen Bereiche erobert, infiziert, verpestet", so Delius. Und so werde vieles zerstört, worum man uns in anderen Ländern beneide. "Die ganze Gesellschaft soll so funktionieren, wie die McKinsey-Jüngelchen, die Betriebswirte, die Barbaren der Quantität und der Taschenrechnermoral, wie ihre Maschinen, wie ihre Software-Programme es befehlen." In diesem Plädoyer gegen die standardisierte Vergleichbarkeit und für eine Arbeit, die auf Qualität, Differenziertheit und Kontextbezogenheit achtet, haben wir uns wiedergefunden. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Seinen vollständigen Text und andere uns wichtig erscheinende Debattenbeiträge zum Thema finden Sie hier auf unserer Website.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis in eigener Sache. Im letzten Heft kündigten wir unser Vorhaben an, 2009 eine Reihe von Veranstaltungen über die Afghanistan-Politik durchführen zu wollen. Wir sind dabei, erste Termine zu organisieren. Sollten Sie ebenfalls Interesse haben, freuen wir uns über eine Rückmeldung: info@medico.de

Herzlichst Ihre Katja Maurer

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