medico international

medico Rundschreiben 03/2008

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

der Saal des Bürgerhauses Bornheim in Frankfurt platzte aus allen Nähten, als der Kabarettist Georg Schramm sein Programm „Thomas Bernhard hätte geschossen“ in einer Benefiz-Veranstaltung für medico aufführte. Eigentlich ist der Saal mit 800 Sitzplätzen zu groß für Kabarett. Trotzdem dauerte das Programm eine halbe Stunde länger als üblich: Es gab zu viel Applaus. Der von der Welt zutiefst enttäuschte Rentner Dombrowski, der hesselnde Ursozialdemokrat August und selbst der Bundeswehroffizier Sanftleben sprechen schonungslose Wahrheiten aus, wo Politik vernebelt. Politik ist Kabarett und Kabarett ist Politik – das ist das Fazit des Abends. Als wollten Politiker Schramms Figuren neue Nahrung liefern, eröffnete Müntefering seine Rückkehr mit dem Satz: „Heißes Herz und klare Kante ist besser als Hose voll.“ Bei uns Hessen sind solche Sätze nur bittere Reminiszenzen an die markigen Sprüche von Roland Koch, der eine ähnliche Verpackung wie der neue SPD-Chef für eine Politik wählte, die vor allen Dingen die soziale Desintegration beförderte. Wie schön wäre es, hätte Müntefering statt von zupackender Handlung von Haltung gesprochen. Good Governance, das gute Regieren, empfiehlt man gern und vorzugsweise schwarzen Politikern. Wenn „Good Governance“ Schutz und Förderung des Allgemeinwohls heißt – und was sonst kann gemeint sein? – dann wäre das auch hiesigen Politikern als Haltung anzuraten. Doch das Allgemeingut ist in private Hände geraten, sehr zu seinem Schaden. Wir beschäftigen uns deshalb in diesem Heft mit einem nach wie vor gültigen Versuch, das Allgemeingut „Gesundheit“ global zu postulieren und auch zu realisieren. Vor 30 Jahren taten das die Regierungen der Welt in Alma Ata mit der Formulierung von „Gesundheit für Alle“ als programmatischer Leitlinie für die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der damalige WHO-Generalsekretär Halfdan Mahler ist nach wie vor Anhänger dieser auf Gleichheit aller abzielenden Haltung, die er heute vor allen Dingen im People´s Health Movement verortet sieht. Medico arbeitet in dieser globalen Gesundheitsbewegung mit. Auch Sie sind mit Ihrer Spende dabei. Berichte darüber, wie die politischen Ideen von Alma Ata umgesetzt werden können, auf welche Hindernisse man dabei stößt, finden Sie regelmäßig auf unserer Website: in Tsafrir Cohens Blog aus Israel-Palästina und demnächst auch in unserem Mittelamerika-Blog. Unser Kollege vor Ort, Dieter Müller, wird berichten, aber auch zwei Studenten, Dominik Müller und Katharina Lange, die ab Oktober drei Monate lang im nicaraguanischen medico-Projekt Palmerita die Schicksale, Schwierigkeiten und Bedürfnisse der ehemaligen Landarbeiter kennen lernen und vermitteln werden. Den Start des Mittelamerika-Blogs können Sie unserem newsletter entnehmen. Zu abonnieren unter: www.medico.de

Mit freundlichen Grüßen Katja Maurer

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