
Nach der Neid-Debatte nun also die Debatte über die Gier. Moralisch geht’s wieder zu in der politischen Auseinandersetzung, Empörung allenthalben. Das Ausmaß der Steuerhinterziehung habe ihre Vorstellungskraft überstiegen, behauptete die Kanzlerin, der moralische Schaden angesichts der „hemmungslosen Gier“ sei erheblich. Selbstverständlich spricht nichts gegen Moral in der Politik, wohl aber viel gegen den Versuch, eine verfehlte Politik über die Moralisierung ihrer Konsequenzen vergessen zu machen. So wenig das berechtigte Verlangen sozialer Bewegungen nach Gleichheit Ausdruck eines pathologischen Sozialneides ist, sondern auf die dramatisch auseinander gehende Schere zwischen Arm und Reich reagiert, so wenig entspringt die Habgier der so genannten „Leistungsträger“ nur einem persönlichen Fehlverhalten.
Im Gegenteil: Die Gier ist tief verankert in gesellschaftlichen Verhältnissen, die das Streben nach partikularem Gewinn systematisch über das solidarische Miteinander stellen. Kinder erfahren das bereits in der Grundschule, wenn sie zwar viel von Gemeinschaft hören, aber zugleich den Druck der Auslese für eine höhere Schulbildung zu spüren bekommen. Casting-Shows wiederholen in stupiden Endlosschleifen die neoliberale Botschaft, dass nur einer der Gewinner sein kann – und all die anderen bestenfalls Spott und Hohn verdienen. Nicht dem Streben nach persönlichem und öffentlichem Glück wird so das Wort geredet, sondern dem Zwang, die anderen im tagtäglichen Ranking hinter sich zu lassen. Geld, mediale Präsenz, gesellschaftlicher Status werden zu Fetischen, die für das verlorene Glück entschädigen sollen. Unter solchen Umständen die Idee der Solidarität zu bewahren, sie gar zu leben, das bedarf allerdings moralisch gefestigter Menschen. Das hemmungslose Streben nach persönlichen Vorteilen ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft, die Gier sozusagen längst institutionalisiert. Selbst die hohen Managergehälter stehen nur symptomatisch für das, was das herrschende Wirtschaftssystem in seinem Inneren zusammenhält: das Prinzip der privaten Aneignung von gesellschaftlich geschaffenen Werten und damit die Verachtung des Gemeinwohls. Wo die Rendite das Maß aller Dinge ist und mit einem Federstrich Tausende auf die Straße gesetzt werden können, um den Anteilseignern Gewinne von 25 und mehr Prozent zu ermöglichen, da ist die Gier kein individuelles Fehlverhalten mehr, sondern Teil des Systems. „Take from the needy, give to the greedy“, heißt die neoliberale Maxime in den USA: „Nimm es von den Bedürftigen und gib es den Gierigen.“
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Kapitalismus, dass die Erzeugung von Reichtum mit der systematischen Produktion von Armut einhergeht. Mit moralischen Appellen und psychologischen Erklärungen ist solchen Missständen nicht beizukommen. Politische Regulation ist gefragt, nicht aber nur die öffentlich zur Schau gestellte Empörung, um am Status quo nicht rütteln zu müssen. In das notorische Bemühen, die Dinge so zu belassen wie sie sind, passt ein weiteres Ereignis, das zuletzt für Entrüstung gesorgt hat: die Krise um UNICEF. Bemerkenswert an der Geschichte war nicht zuletzt die Liste derer, die für Kinder in der Welt gespendet haben. Neben vielen solidarisch gesinnten Menschen, neben Kommunen, deren Engagement für eine andere Welt über jeden Zweifel erhaben ist und denen UNICEF unbedingt erhalten bleiben muss, tauchen da auch Akteure auf, die für vieles, nur nicht für soziale Verantwortung stehen: der einschlägig bekannte Discounter Lidl beispielsweise, der wegen Lohndumping und notorischer Missachtung von Arbeitnehmerrechten in der Kritik steht und dafür 2004 den „Big Brother Award“ bekam. Oder das Kundenbetreuungssystem Payback, das den „gläsernen Kunden“ anstrebt, um die Wirtschaft mit datenschutzrechtlich höchst bedenklichen Konsumentenprofilen zu versorgen und dafür 2000 mit dem „Big Brother Award“ ausgezeichnet wurde.
Findige Manager haben längst begriffen, dass sich soziale Skrupellosigkeit sehr gut mit gelegentlichen Spenden für die gute Sache kaschieren lässt; eben ganz so, wie sich die Politik mit Moral auflädt, um von der Verantwortung für das Elend abzulenken. Wohltätigkeit gerät dabei in den Verdacht, mehr der Verschleierung von Ungleichheit zu dienen, als zu deren Beseitigung beizutragen. Eine Welt, die in Privilegierte und Gedemütigte gespalten ist, mag ja noch Widerspruch hervorrufen. Dagegen wirkt eine Welt, die nur Helfer und Hilfsbedürftige kennt, fast schon beruhigend. Wer könnte etwas gegen Hilfe einwenden?
Es sieht ganz danach aus, dass die öffentlich zur Schau gestellte Wohltätigkeit und der Sozialabbau zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Mit fatalen Folgen: Denn wo soziale Sicherung an den Goodwill von Philanthropen gekoppelt wird, dort geht das Bewusstsein für den Rechtsanspruch auf öffentliche Güter wie Gesundheit, Bildung oder die Teilhabe an Kultur verloren. Und wenn es erst wieder die wohltätige Aktion privater Mäzene und großer Unternehmen ist, von denen die Hilfe für die Kinder der Welt abhängt, dann legitimiert dies auch hohe Renditen und weitere Steuerentlastungen für Besserverdienende und Unternehmen. Von dem, was einst soziale Marktwirtschaft genannt wurde, bleibt unter solchen Umständen nur das Gerede in Talkshows.
Herrschaft und Macht haben heute kein eindeutiges Zentrum mehr, sagt Toni Negri, der Autor des „Empire“, sondern durchziehen unterdessen alle Bereiche des Lebens. So beängstigend die Vorstellung eines allumfassenden quasi parasitären „Empire“ ist, sie birgt auch Trost. Denn wenn die Macht kein Außen mehr kennt, wenn sie gewissermaßen überall zuhause ist, in den gesellschaftlichen Institutionen ebenso wie in den Menschen selbst, dann sind es eben auch die Menschen, die Menge, die Personen, die Öffentlichkeit, die „Multitude“ (Negri), die das „Empire“ durch Verweigerung und Abkehr abschütteln können.
Es ist diese „Potenzialität“, in der die Chance auf Veränderung liegt. Eine „Potenzialität“, die auch in der Arbeit von Hilfsorganisationen aufscheint. Denn selbst wenn viele Hilfsorganisationen heute ihr Tun in den Kontext der Reparatur von Systemfehlern stellen und so zur Stabilisierung des prekären Status Quo beitragen, kann Hilfe auch auf die nachhaltige Überwindung von Not und Abhängigkeit drängen und Teil eines emanzipatorischen Aufbruchs sein. Als Hilfe im Handgemenge gewissermaßen, die Menschen unterstützt, die nicht locker lassen, ihr Glück zu suchen. Und wenn schon Amerika das Vorbild sein sollte, dann nur in der Wiederaneignung der zentralen Ideen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.
