
Die Situation in Bagdad wird von Tag zu Tag unerträglicher. Überall droht Gewalt und das tägliche Leben der Menschen wird von Milizen kontrolliert. Ehemals überfüllte Märkte und Strassen sind leer, Geschäfte schließen, falls sie überhaupt öffnen, bereits nachmittags. Menschen hasten umher. Vielfach ist die Depression und Traurigkeit derer förmlich zu greifen, die einfach nur überleben, die weder sterben noch selbst töten wollen. Bagdads Krankenhäuser sind zu Brutstätten der Milizen geworden. Kaum jemand lässt sich noch behandeln, ist doch oft unklar, wer gerade das Gebäude kontrolliert, und ob man als Schiit bzw. Sunnit lebendig oder tot wieder herauskommt. Innerhalb Bagdads sind wir dazu mit einer Flüchtlingsbewegung konfrontiert, die einer still tickenden Zeitbombe gleicht. Die Stadt ist mehr und mehr in kleine Gouvernements mit unsichtbaren Grenzen zerfallen. So müssen Lastwagen, die die Viertelgrenzen sicher passieren wollen, an den wilden Checkpoints entweder die Fahrer wechseln oder die Ware wird umgeladen. Die ethnischen Säuberungen lassen unzählige Familien, die ihr Quartier verlassen mussten, völlig schutzlos unter freiem Himmel kampieren. Auch wir haben aus Angst um unser Leben die Arbeit in Bagdad auf ein Minimum reduziert. Wie zu Beginn der Doctors for Iraq, arbeiten unsere Ärzte wieder aus ihren privaten Wohnungen heraus. In den Provinzen westlich und nördlich Bagdads ist die Sicherheitslage nicht viel besser. Auch dort mussten unsere mobilen Kliniken, die mit Unterstützung von medico die Kriegsflüchtlinge versorgen, ihre Arbeit unterbrechen. In Mosul planen wir dagegen ein neues Büro zu eröffnen. (Dr. Salam Ismael, per E-Mail aus Bagdad.)
Ökonomische Ausgrenzung wirkt schnell als Katalysator für Gewaltverhältnisse innerhalb der sozial Entrechteten. Besonders bei Jugendlichen. Deren Gangs und aggressiver Machismo, der Vergewaltigung allenfalls als Kavaliersdelikt begreift, beherrschen auch die südafrikanischen Townships. Seit Herbst 2006 unterstützt medico ein Pilotprogramm innerhalb des HIV/AIDS-Programms unseres südafrikanischen Partners SINANI, das bewusst versucht, die gewaltbereite männliche Dominanzkultur aufzubrechen. SINANI will dadurch Veränderungsprozesse initiieren, die die Neuinfektionen mit HIV, wie auch die männliche Gewalt sowohl gegenüber Frauen und Kindern, als auch zwischen Männern verringern helfen. In mehreren Gesprächsrunden diskutieren junge Männer offen über eigene Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit, wie auch über die Gewalt, die sie später gegen andere ausübten. Selbst sexuelle Gewalt, ob selbst erlitten oder ausgeübt, wird thematisiert. Im geschützten Raum moderierter Workshops erfahren viele junge Männer erstmals, wie Gleichaltrige denken, fühlen und handeln. Einige von ihnen werden, als Multiplikatoren weitergebildet, in ihren Vierteln und an Schulen ähnliche Gesprächsrunden anbieten. Ein konkreter Schritt, nicht nur um die Subkultur aus Gang- und Jugendgewalt zu unterminieren, sondern auch die Vergewaltigungen von Frauen zu verringern. Die Workshops werden 2007 fortgesetzt.
Die Ironie der Geschichte ist manchmal grausam. In den achtziger Jahren mordeten die Todeskommandos von Oberst Roberto D'Aubuisson in El Salvador tausendfach. Auch in Guatemala massakrierte das Militär die Zivilbevölkerung. 20 Jahre später, im Februar 2007, erschossen und verbrannten Mitglieder der guatemaltekischen Nationalpolizei (Abteilung: organisiertes Verbrechen) D'Aubuissons 32-jährigen Sohn und zwei seiner Begleiter auf offener Landstrasse. Kurz darauf wurden die durch Videoaufnahmen überführten Polizisten festgenommen – um wenige Tage später ihrerseits grausam ermordet zu werden: Unbekannte Killer, vermummt und mit MP's und Messern ausgerüstet, drangen in ihre Gefängniszellen ein, erschossen die mutmaßlichen Täter und schnitten ihnen die Köpfe ab. Weniger spektakulär – noch – sind die Drohungen, denen Menschenrechtsaktivisten in Guatemala in letzter Zeit verstärkt ausgesetzt sind. Das Team für Gemeindestudien und Psychosoziale Aktion (ECAP), ein langjähriger medico-Partner, begleitet in der Provinz Rabinal die Exhumierung von geheimen Gräbern aus der Zeit des Bürgerkrieges und arbeitet mit den Opfern der guatemaltekischen violencia. Dabei erhalten sie nicht nur Hass-E-Mails und anonyme Anrufe, sondern werden, wie in jüngster Zeit geschehen, auch am helllichten Tage verfolgt. Am 23. Januar setzte sich ein unbekannter Mann im Überlandbus neben eine ECAP-Mitarbeiterin, sprach sie mit Namen an und bedrohte sie: "Reist nicht herum und hört auf, ihr Hurensöhne, oder wollt ihr, dass euch noch mehr passiert?...". ECAP nimmt diese Verfolgung von unbekannter Seite, auch angesichts der jüngsten Mordserie, sehr ernst, wird aber seine Arbeit fortsetzen.
