
Auf breiter Front hat die drohende Klimakatastrophe die Öffentlichkeit erfasst. Längst sind es nicht mehr nur Wissenschaftler und Umweltaktivisten, die Alarm schlagen. Mit Hollywood, Al Gore, der Kanzlerin haben sich nun gewichtige Akteure der Sache angenommen, und zuletzt waren sogar in der US-Politik Zeichen eines Umdenkens auszumachen. Was ist passiert? Warum nach Jahrzehnten des Abwiegelns dieses plötzliche Engagement für die Umwelt?
Bemerkenswert ist, dass im Hintergrund auch Manager und Militärs auf eine veränderte Politik drängen. Die einen sehen Gefahren für die Rendite, die anderen neue Sicherheitsrisiken durch bald 50 Millionen Umweltflüchtlinge, die sich im Zuge ökologischer Katastrophen grenzüberschreitend auf die Suche nach neuen Lebensgrundlagen machen werden. Rückversicherungsgesellschaften, die für die Schäden von Überschwemmungen, Wirbelstürmen und Erdbeben aufzukommen haben, verweisen schon seit längerem auf kaum noch kalkulierbare Risiken. Nun klagen aber auch die Kapitaleigner. Nur zu gerne wüssten sie, wo und worin sich künftig noch profitabel investieren lässt. In Immobilien, die von Wirbelstürmen hinweggefegt werden könnten? In neue Hafenanlagen und strandnahe Touristenressorts, die schon bald wieder im Meer zu versinken drohen? Wohin mit den exorbitanten Unternehmensgewinnen? – Verunsicherung auch bei denen, die an dem Klimawandel verdient und ihn durch verfehlte Industriepolitik zugelassen haben.
Schon Ende des 18. Jahrhunderts warnte der Frühsozialist Charles Fourier vor einer „falschen Industrie“, die auf Ausbeutung und fortschreitende Naturbeherrschung setzt, ohne die damit einhergehenden gesellschaftlichen Rückschritte wahrzunehmen. Nicht eine Kapital mehrende Inwertsetzung von Mensch und Natur sei das Ziel, sondern die Schaffung einer Gesellschaft, in der Arbeit an den Bedürfnissen der Menschen orientiert ist. Die Wärme einer solchen Gesellschaft sei am Ende so groß, dass sie selbst das Eis der Polkappen zum Schmelzen bringen würde und auch die Raubtiere würde zähmen können. Wegen seiner schwärmerischen Phantasien musste Fourier viel Spott einstecken – nicht von materialistischen Kritikern wie Marx, Marcuse oder den 68ern, wohl aber von denen, die sich darangemacht haben, Fouriers Phantasien technokratisch in die Tat umzusetzen. Allerdings nicht als Kritik an einer sich von den Menschen verselbständigenden ökonomischen Macht, sondern als Zurichtung und Zerstörung von Mensch und Natur selbst.
Das heute wachsende Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels ist fraglos wichtig. Bedenklich aber stimmt, wenn in der Erörterung der Umweltrisiken nun von einer globalen „Risikogesellschaft“ die Rede ist, so als wären alle Menschen gleichermaßen bedroht und als gäbe es weder ökonomische Interessen noch Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Katastrophen aber sind keine „demokratischen“ Ereignisse. Weil deren Auswirkungen allererst die sozial Marginalisierten treffen, ist es ganz und gar infam, wenn schließlich die Klage über die Gefährdung des Planeten gegen eben jene „Verdammten dieser Erde“ selbst gewendet wird, die zu viele seien. Nicht per Abschottungspolitik, aber auch nicht über einen nur ökologisch erneuerten Kapitalismus werden die Klimaveränderung, der Verlust der ökologischen Vielfalt, die fortschreitende Verwüstung aufzuhalten sein, sondern nur über das Aufbrechen des zerstörerischen Prinzips, das diese Entwicklung in Gang hält. Es reicht nicht, die Katastrophe nur durch verbesserte Sicherheits- und Sozialtechnologien auf ihren jeweils modernsten Stand zu bringen. Notwendig ist das, was Walter Benjamin als den Griff der Weltgesellschaft nach der „Notbremse“ beschrieben hat.
Und die Gründe für einen solchen Schritt sind allerdings erdrückend. Das im Verlauf der Geschichte gebildete Menschheitswissen lässt keinen Zweifel daran, wie unsinnig die Zerstörung der Umwelt ist. Auch die Ungefährlichkeit des Klimawandels ist gedanklich längst widerlegt. Dennoch herrschen nach wie vor ökonomische Vorstellungen, die den katastrophalen Prozess der Geschichte vorantreiben. Allen Studien über die negativen Folgen ungebremster Schadstoffemissionen zum Trotz nimmt der Ausstoß von Kohlendioxid zu. Ungeachtet der weitaus günstigeren ökologischen Bilanz eines urbanen Zusammenlebens hält die Zersiedelung der Landschaft an. Und obwohl auch die gesellschaftlichen Gefahren, die aus einer entfremdeten Lohnarbeit resultieren, hinlänglich beschrieben sind, gilt Lohnarbeit noch immer als Quelle allen Reichtums, als „Heiland“ gar, wie die Widersacher von Charles Fourier nicht weniger schwärmerisch in die Welt posaunten.
Mit allen Mitteln werden Produktions- und Arbeitsverhältnisse aufrechterhalten, die nicht nur dem Ziel der Bewahrung der Schöpfung zuwiderlaufen, sondern den Appell für Umweltschutz auch noch als ideologische Unterfütterung für ein Wirtschaftssystem instrumentalisieren, das die Produktion von Reichtum an die gleichzeitige Schaffung von Elend und Unterdrückung koppelt. Dieses Missverhältnis kommt nicht nur in wachsenden sozialen Gegensätzen zum Ausdruck, sondern auch in der Ökologie. Gemessen an den prekären Umständen, die in der Welt inzwischen herrschen, zeigt sich die Katastrophe hierzulande noch von einer eher angenehmen Seite.
Zum historischen Wissen aber zählt auch die Erfahrung, dass es anders gehen kann. Dass solidarische Ökonomien ebenso möglich sind wie Formen von gesellschaftlicher Arbeit, die nicht davon ausgehen, dass Mensch und Natur sozusagen „gratis“ zur Verfügung stehen. Die Geschichte praktizierter Alternativen ist lang: die Bauernaufstände gehören dazu, die Französische Revolution, die Pariser Commune, die frühen Jahre des revolutionären Nicaragua, aber auch die vielen oftmals unscheinbar daherkommenden Projekte selbstbestimmter Lebensformen.
Der Messias, so Benjamin in seinen geschichtsphilosophischen Thesen, drückt sich nicht in einer aus dem Jenseits kommenden göttlichen Kraft aus, sondern darin, dass es den Menschen selbst gelingen könnte, mit der ihnen eigenen messianischen Kraft den katastrophalen Gang der Geschichte zum Stillstand zu bringen. In dieser Stilllegung des Geschehens sah Benjamin die revolutionäre Chance im Kampf für die unterdrückte Vergangenheit. „Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzumachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden von dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“
