
Am Kasseler Bahnhof Wilhelmshöhe erinnert eine großformatige Plakatwand die Reisenden an ein erst kurz zurückliegendes Ereignis: Eine Woche vor Eröffnung der documenta 12 fand in Heiligendamm das Gipfeltreffen der G8 statt. Ist es den Protestierenden gelungen, die Legitimität der G8 in Frage zu stellen und ihnen eine breite Mobilisierung entgegenzusetzen? Oder waren die Sicherheitskräfte erfolgreich darin, die Bündnisse zu spalten und zu kriminalisieren? Allan Sekulas "Alle Menschen werden Schwestern" sollte einen Beitrag dazu leisten, den Widerstand gegen den G8-Gipfel zu stärken. Es ist Teil der Kampagne "Holy Damn It", an der sich zehn KünstlerInnen mit Plakatentwürfen beteiligt haben, die in einer Auflage von je 5.000 Exemplaren gedruckt und verteilt wurden.
Das mögliche Subjekt der Revolution, hier ein mexikanischer Werftarbeiter in der Produktion von Hyundai, wird von einer Variation der berühmten Liedzeile aus Friedrich Schillers Ode "An die Freude“ umtänzelt. Sie erinnert daran, dass die im heroischen Pathos der Aufklärung verheißene Brüderlichkeit bisher uneingelöst geblieben ist – und dass sich ihre Vorzeichen geändert haben: Postkoloniale und feministische Perspektiven spielen für die Formulierung der globalisierungskritischen Bewegung eine tragende Rolle. Lokale soziale Kämpfe werden als Spaltungslinien der neoliberalen Gesellschaftsordnung begriffen. Doch die mediale Darstellung verengt die Heterogenität der Protestbewegungen oft genug auf einen Schwarzen-Block-Machismus, sie konzentriert sich auf spektakulären "Gipfeltourismus“ und ignoriert die lokalen AkteurInnen. "Alle Menschen werden Schwestern" verweist auf die ständige existenzielle Spannung zwischen heterogener Bewegungsbildung und simplifizierter Außenwahrnehmung und behauptet dennoch: Wir werden solidarisch sein ... sisters gonna work it out. Wanda Wieczorek (Documenta 12, Katalog)
medico förderte dieses Kunstprojekt und war auf dem Alternativkongress zum G8 in Rostock präsent.
