medico international

medico Rundschreiben 03/2007

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

unversehens, ja fast unbeabsichtigt, begeben wir uns mit diesem Heft auf eine Reise durch Konflikte, in denen die Rückwirkungen der globalen Veränderungen genauso zu finden sind wie der Nachhall jahrzehntelanger unbearbeiteter regionaler und sozialer Auseinandersetzungen. Ob in Afghanistan, in Simbabwe, ob in Sri Lanka oder Brasilien - unsere Partner bewegen sich in verwickelten, bisweilen unüberschaubaren Auseinandersetzungen. Bereits vor 20 Jahren hat medico für diese Arbeit den Begriff "Hilfe im Handgemenge" entwickelt.

Das Handgemenge ist seither nicht leichter geworden, obwohl die neoliberale Globalisierung eine dramatische Einebnung vorantreibt: Überall wurden und werden die lokalen und sozialen Konflikte extrem beschleunigt. Das Maß an Ausschluss und Einschluss, die Dimension der sozialen Kluft – es ist dieses immer gleiche Parameter, an dem die Auseinandersetzungen gemessen werden können. Lösungen sind derzeit kaum in Sicht. Weder in Afghanistan, das aus gegebenem Anlass einen Schwerpunkt dieses Heftes bildet. Noch im Bürgerkrieg in Sri Lanka, der im Gegensatz zu Afghanistan gänzlich aus dem Blickfeld verschwunden ist. Dabei gab es durchaus berechtigte Hoffnung auf eine gerechte Lösung in Sri Lanka. Doch nun herrscht im Nordosten ein Stillstand des Schreckens. Denn solange der Tourismus im Süden funktioniert und im Norden ein großer Hafen gebaut werden kann, kann der globale Neoliberalismus mit solchen Ausschlusszonen ohne weiteres leben. Nur die Menschen dort nicht. Insofern ist die Arbeit unserer Partner in Sri Lanka geradezu symbolisch für "Hilfe im Handgemenge", wie sie auch in den anderen beschriebenen Regionen stattfindet: Menschenrechtsarbeit und akute Not lindern.

Dieses Konzept unserer Projekthilfe würde auf einem Fundraising-Kongress wohl als wenig spendenträchtig abgetan werden. Wer keine schnelle Lösung zu präsentieren weiß, soll die Sammelbüchse heute besser im Schrank wegsperren. Ein Grund ja auch, warum sinnfällige, aber nicht immer sinnvolle technische Hilfe derart reüssiert. Und die Sicherheitsideologie und -industrie noch dazu, die sich perfekt darauf versteht, Abhilfe zu simulieren. Wir beschreiben es in unserer Arbeit in Afghanistan und Brasilien.

Allen Maximen der Kapitalbeschaffung (engl. fund – Kapital, to raise – beschaffen) zum Trotz bleibt "Hilfe im Handgemenge" durchaus ein Konzept, das seine Unterstützerinnen und Unterstützer findet. Sie, liebe Leserinnen und Leser, gehören dazu. Die entsprechende Bilanz finden Sie auf den hinteren Seiten dieses Heftes. Das beharrliche Setzen auf Menschen, Gruppen, Initiativen, die nicht bereit sind, sich in das vermeintlich Unveränderbare dreinzufinden, die dagegenhalten, ist ein Kennzeichen der medico-Solidarität. Insofern unterscheiden sich unsere Reportagen aus den Regionen von dem, wie in den Medien zumeist berichtet wird. Unsere Perspektive in diesem Handgemenge ist nicht der Blick des Westens, sondern der von mittendrin. Das ist durchaus eine Perspektive – im doppelten Wortsinn.

Sie wissen, dass medico bei aller Suche nach perspektivreichen Lösungen die unmittelbare Nothilfe nicht missachtet. Gerade haben wir die Nachrichten aus Mittelamerika vernommen und unsere Kollegen haben von den Verheerungen des Hurrikans "Felix" insbesondere an der Atlantikküste berichtet. Noch immer steht die Zahl der Toten nicht fest. Zehntausende sind obdachlos. Offenbar wurden ganze Dörfer zerstört. Wir haben Gelder für erste Hilfsmaßnahmen zur Verfügung gestellt. Auf unserer Internetseite halten wir Sie über den aktuellen Stand in Nicaragua nach dem Sturm auf dem Laufenden.

Mit besten Grüßen Katja Maurer

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