medico international

medico Rundschreiben 02/2007

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

während dieses Rundschreiben entsteht, beginnt gerade der G8-Gipfel in Heiligendamm. Sie werden also in diesem Heft nichts finden über die Ergebnisse oder Nicht-Ergebnisse des Gipfels, über die Gegenaktionen und den Alternativkongress, über die Auseinandersetzungen um Militanz und Protestformen. Die Zeit war zu knapp. Aber wirklich nichts?

Selten war für medico die Arbeit von so vielen Aktivitäten und medialer Präsenz geprägt wie in den Monaten vor dem Gipfel. So sehr, dass wir die sonst immer vorhandene Rubrik "medico-aktiv" streichen mussten. Wir brauchten den Raum, um Ihnen diese Aktivitäten in ausführlichen Artikeln und Dokumenten zugänglich zu machen. So berichten wir vom Symposium der "stiftung medico international", das sich profund mit der globalen Lage der Gesundheit auseinandersetzte, um sich intensiv den solidarischen Alternativen zu widmen. Wir dokumentieren eine gemeinsame Erklärung, die von medico, Buko Pharma-Kampagne, Brot für die Welt und Misereor initiiert wurde, und die sich mit Alternativen zum gegenwärtigen globalen Patentsystem beschäftigt. Beraten wurde sie auf der von diesem Kreis organisierten Konferenz "Patienten, Patente und Profite", an der sich – wie der thailändische Gesundheitsexperte Dr. Suwit Wibulpolprasert erkärte, alle "troublemaker" der Welt versammelten. Unsere "Gipfel" haben in gewisser Weise vorher stattgefunden. Das ist nicht kokett gemeint. Denn es stellt sich die Frage, wie und woran sich bei soviel common sense in Sachen Globalisierungskritik Veränderungen tatsächlich entwickeln und durchsetzen lassen. Das "mainstreaming" der Globalisierungskritik kann einem auch Angst machen. Dann nämlich, wenn wir uns zwar alle einig sind, dass eine andere Welt schöner wäre, und dass es doch an dem politischen Willen mangelt, sie zu realisieren.

Dafür, dass das nicht eintritt, ist viel Arbeit, nicht immer sichtbare, nötig. Das weltweite Netz der "troublemaker" versucht so in mühsamer Lobby-Arbeit auf Versammlungen der Weltgesundheitsorganisation, in Tagungen mit Parlamentariern, aber auch in Gesprächen und direkten Auseinandersetzungen mit der Pharmaindustrie reale Veränderungen durchzusetzen. Im Gesundheitsbereich hieße das beispielsweise Zugang für alle Menschen zu notwendigen Therapien zu sichern. Und es gibt Erfolge. An der Unterschriftenaktion für die Patentfreiheit des AIDS-Medikaments Nevirapine, zu der wir im letzten Heft aufriefen, haben sich bis jetzt über 5.000 Menschen beteiligt. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sei Dank. Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim hat aufgrund des öffentlichen Drucks nun zugesagt, die Lizenz für das Medikament weltweit kostenfrei abzugeben. Ein Teilerfolg, aber immerhin. Nach wie vor allerdings beharrt Boehringer auf seinem Patentantrag in Indien, denn nichts fürchtet die Pharmaindustrie offenbar so sehr, als dass das Patentunwesen an einem Beispiel durchbrochen würde. Also bitte weiter Unterschriften sammeln! Ein anderer Erfolg: In der WHO wurde erstmals eine Resolution verabschiedet, die die Entkoppelung der Medikamentenpreise von dem tatsächlichen oder angeblichen Forschungsaufwand vorschlägt. Auch da wurde an dem Tabu des Patents gekratzt.

Was finden Sie in diesem Heft noch? Neben vielen Berichten aus den Projekten und von den Projektpartnern auch zwei Texte von Journalisten: Die Zeit-Autorin Andrea Böhm berichtet aus Sierra Leone und Stephan Hebel von der Frankfurter Rundschau stellt Thesen zum Fundraising von Hilfsorganisationen vor. In voller Länge im Fundraising-Magazin erschienen bewegen sie sich sehr nahe an den medico-Überlegungen.

Ihre Katja Maurer

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